Die Welt anders erleben

Autismus ist zu 90% angeboren und beeinflusst die Informationsverarbeitung, Wahrnehmung, Kognition und Emotionen einer Person. 

Autismus zeigt sich oft durch bestimmte Merkmale, die individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, wie:

  • (Qualitative) Unterschiede in der sozialen Interaktion, z. B. beim Aufbau von Beziehungen oder im Verständnis sozialer Normen.
  • (Qualitative) Unterschiede in der Kommunikation, z. B. bei nonverbalen Signalen oder der Interpretation von Doppeldeutigkeiten.
  • Begrenzte, repetitive oder stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die oft mit intensiver Fokussierung verbunden sind.
  • Reizsensitivität, etwa gegenüber grellem Licht, lauten Geräuschen oder bestimmten Gerüchen.
  • Herausforderungen bei Blick- und Körperkontakt, die von vielen autistischen Menschen als unangenehm empfunden werden können.


Mit den richtigen Umgebungsfaktoren können autistische Menschen jedoch bemerkenswerte Stärken und Fähigkeiten entfalten. Diese Potenziale bereichern Gruppen, Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes – sei es durch besondere Detailgenauigkeit, hohe Konzentration oder innovative Denkansätze.

Das Video "Sensory Overload" beschreibt auf einfache, aber eindrückliche Art und Weise, was Autismus ist: Zum Video "Sensory Overload"

Vielfalt im Spektrum

Die Diskussion, ob Autismus als Beeinträchtigung oder Behinderung bezeichnet werden sollte, ist auch unter autistischen Personen selbst umstritten. Das liegt daran, dass Autismus sehr unterschiedlich in Erscheinung treten kann. Autistische Menschen unterscheiden sich stark in ihren Fähigkeiten, Herausforderungen und Besonderheiten. Deshalb spricht man vom Autismus-Spektrum.

Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge leben weltweit etwa 80 Millionen Menschen im Autismus-Spektrum – also 1% der Weltbevölkerung, was einer von 100 Personen entspricht,  und die Tendenz ist steigend. Bei Kindern kann man sagen, dass bereits drei von 100 Kindern eine Autismus-Diagnose erhalten. Trotz oft guter Ausbildung sind in Deutschland nur rund 10 % der autistischen Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig.

Einzigartigkeit statt Schubladen

Wie bei allen Menschen ist auch bei autistischen Personen die Individualität entscheidend. Jeder Mensch – ob neurodivergent oder neurotypisch – ist einzigartig und bringt seine eigenen Stärken mit. Sicherlich gibt es autistische Menschen, die mit größeren Herausforderungen konfrontiert sind als andere, doch das gilt ebenso für neurotypische Menschen.

Autismus zu verstehen bedeutet, weg von Pauschalisierungen zu gehen und den individuellen Menschen mit seinen Fähigkeiten, Perspektiven und Erfahrungen zu betrachten. Vielfalt bereichert – und Autismus ist ein wertvoller Teil dieser Vielfalt.

Stärken

Autistische Menschen bringen eine einzigartige Vielfalt an Fähigkeiten und Eigenschaften mit, die im passenden Umfeld positiv zum Vorschein kommen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass jede Person individuell ist und nicht alle Eigenschaften pauschal auf alle autistischen Menschen zutreffen. Die nachfolgende Liste gibt jedoch einen Einblick in häufige Stärken, die viele autistische Menschen auszeichnen können:


  • Ausgeprägtes Auge für Details: Die Fähigkeit, auch kleinste Feinheiten zu erkennen.
  • Logisches Denken: Klare, analytische Herangehensweisen an Probleme.
  • Kreativität: Unkonventionelle Denkansätze und innovative Ideen.
  • Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer bei Routineaufgaben oder Themen, die ihnen wichtig sind.
  • Loyalität und Zuverlässigkeit: Ein starkes Engagement gegenüber Menschen und Aufgaben.
  • Sachorientierung und Fachwissen: Eine tiefgreifende Expertise in Interessensgebieten, verbunden mit einem klaren, sachbezogenen Fokus.
  • Hyperfokus: Enorme Hingabe und Energie für Themen, die sie interessieren.
  • Ehrlichkeit: Direktheit und Authentizität im Umgang mit anderen.
  • Hohes Qualitätsbewusstsein: Ein starker Fokus auf Genauigkeit und Präzision.

Herausforderungen und Einzigartigkeit

Neben diesen Stärken können autistische Menschen auch mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert sein, beispielsweise in sozialen Interaktionen, sensorischen Umgebungen oder durch die Erwartungen neurotypischer Normen. Doch genau hier zeigt sich die Einzigartigkeit jedes Einzelnen: Was für den einen Menschen eine Stärke ist, kann für den anderen eine Herausforderung darstellen – und umgekehrt.

Hinweise zum Sprachgebrauch

Unsere Sprache beeinflusst unser Denken – und umgekehrt. Als Verein möchten wir ein Denken und eine Sprache fördern, die Autismus und andere neurodivergente Varianten als natürlichen Teil der menschlichen Vielfalt betrachtet. Deshalb vermeiden wir bewusst Begriffe wie „Störung“, „Krankheit“, „betroffen sein“ oder „leidet unter“. Solche Ausdrücke stammen aus der medizinischen Fachsprache, die in Fachkreisen zunehmend kritisch hinterfragt wird. Dennoch können diese Begriffe in bestimmten Kontexten, etwa im medizinischen System oder bei der Beantragung von Nachteilsausgleichen, hilfreich oder sogar erforderlich sein.

Ein zentraler Grundsatz unseres Netzwerks ist, dass jeder neurodivergente Mensch selbst entscheiden sollte, wie er oder sie sich bezeichnet. Während einige Menschen ihre Situation als belastend empfinden und dies so ausdrücken, sehen andere ihre Neurodivergenz als wertvollen Teil ihrer Identität. Dieser Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbezeichnung sollte stets respektiert werden. 

Unser Ziel ist es, eine respektvolle und inklusive Kommunikation zu fördern, die den individuellen Erfahrungen und Perspektiven Raum gibt.